Unerwartete Entdeckung: Neue Fischsaurierart aus Südwestdeutschland

Ein 182 Millionen Jahre alter Meeressaurier gibt neue Einblicke in die Vielfalt der Fischsaurier der Jurazeit

Dr. Erin Maxwell ist Kuratorin für fossile aquatische Wirbeltiere am Naturkundemuseum Stuttgart.

Fischsaurier oder Ichthyosaurier sind eine Gruppe stromlinienförmiger Reptilien, die im Erdmittelalter (Mesozoikum) die Weltmeere bevölkerten. Wie die heutigen Delfine zeigen sie weitreichende Anpassungen an das Leben im Wasser, wie zum Beispiel zu Flossen umgewandelte Gliedmaßen, eine Rücken- und eine Schwanzflosse.

Der Wissenschaft sind diese marinen Reptilien schon seit dem frühen 19. Jahrhundert bekannt, vor allem durch die spektakulär erhaltenen Fossilien aus dem Unterjura von Holzmaden in SW-Deutschland. Dort wird seit über 200 Jahren Posidonienschiefer abgebaut; dabei wurden auch zahlreiche Fossilien mariner Wirbeltiere gefunden und weltweit an Museen weitergegeben. Die Fundstelle lieferte Tausende von hervorragend erhaltenen Fischsaurier-Skeletten in sieben Arten mit einer Größenspanne von zwei bis über zehn Meter Länge. Dabei sind teils sogar fossilisierte Weichteile, Mageninhalte und sogar Embryonen enthalten.

Niemand hat damit gerechnet, dass nach so vielen Jahren intensiven Sammelns und Forschens dort noch eine neue Fischsaurierart entdeckt wird. Genau das aber gelang meiner Kollegin Dirley Cortés (Redpath Museum, McGill University / Smithsonian Tropical Research Institute, Panama) und mir.

Erin Maxwell (l.) und Dirley Cortés (r.) bei der Untersuchung der neuen Fischsaurierart im Werkforum Holcim, Dotternhausen. Mit ihm Bild Judith Pardo-Pérez (m.), eine dritte Fischsaurier-Expertin (Bild: A. Schmid-Röhl).

Hauffiopteryx typicus ist eine zwei Meter große Fischsaurierart, die erstmals vor etwa 90 Jahren in Holzmaden gefunden und später auch in Sedimenten desselben Alters in England entdeckt wurde. Aber handelt es sich dabei wirklich um dieselbe Art? Nachdem Vorstudien darauf hingedeutet hatten, dass die anatomischen Unterschiede zwischen den 1000 Kilometer entfernt gefundenen Fossilien von „Hauffiopteryx typicus“ möglicherweise zu groß sind, um sie noch ein und derselben Art zurechnen zu können, wollten wir dieser Frage auf den Grund gehen. Dazu haben wir sämtliches bekanntes Material von Hauffiopteryx aus Deutschland untersucht: sieben vollständige Skelette und drei Schädel.

Der Fischsaurier Hauffiopteryx typicus aus dem Posidonienschiefer von Zell u.A. nahe Holzmaden, SMNS 80226 (Bild: M. Wahler).

Der Typus der neu beschrieben Art Hauffioteryx altera aus dem Posidonienschiefer von Dotternhausen ist dreidimensional erhalten (Bild: D. Cortés).

Verkompliziert wird das dadurch, dass die englischen Exemplare sehr schön dreidimensional erhalten sind, die deutschen Fossilien dagegen meist durch die aufliegende Gesteinslast flachgedrückt und dadurch zweidimensional wurden. Ein glücklicher Umstand ist, dass unter den wenigen dreidimensional erhaltenen Stücken ein Schädel von Hauffiopteryx ist!

Mit diesem gut mit den englischen Funden vergleichbaren Schädel begannen wir unsere Untersuchungen. Sehr schnell stellten wir fest, dass sich die Anordnung der Knochen dieses Schädels sehr deutlich von denen des englischen Hauffiopteryx unterscheidet – im Gegensatz zu den übrigen neun deutschen Exemplaren, die keine großen Unterschiede zum britischen Material aufweisen. Das heißt: Der dreidimensional erhaltene Schädel gehört zu einer anderen, bisher unbekannten Art, die den wissenschaftlichen Namen Hauffiopteryx altera (lat. alter = andere) erhält – in Anspielung auf die anatomischen Unterschiede zu Hauffiopteryx typicus (lat. typicus = typisch). Hauffiopteryx altera gehört mit einer geschätzten Größe von etwa zwei Metern zu den eher kleinen Fischsaurierarten.

Es scheint also – dies das nicht weniger interessante zweite Ergebnis unserer Untersuchungen – keine wesentlichen geografischen Unterschiede zwischen englischen und deutschen Fischsaurier-Populationen während des Unterjuras gegeben zu haben. Das deutet auf einen einheitliche europäische Fauna mariner Reptilien. Allerdings gab es in Südwestdeutschland während dieser Zeit zwei Arten von Hauffiopteryx – und die Erkenntnis, dass selbst hervorragend untersuchte Fossillagerstätten noch Überraschungen bereithalten können!


Literatur

Maxwell, Erin E.; Cortés, Dirley (2020): A revision of the Early Jurassic ichthyosaur Hauffiopteryx (Reptilia: Ichthyosauria), and description of a new species from southwestern Germany. – Palaeontologia Electronica, 23(2):a30. https://doi.org/10.26879/937