Schnecke gesucht – Muschel gefunden!

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge – Entdeckungsgeschichte einer neuen Art aus Baden-Württemberg

Dr. Ira Richling ist Kuratorin für Malakozoologie (und andere Invertebraten ohne Insekten) am Naturkundemuseum Stuttgart.

In meinem letzten blog Verlorene Diversität bei den Brunnenschnecken? im März 2017 berichtete ich über Forschungen, bei denen wir eine ganze Reihe von Arten – auch und gerade aus Baden-Württemberg – quasi eliminierten, denn sie erwiesen sich nach unseren molekulargenetischen Befunden als Synonyme, d. h. identisch mit anderen Arten. In der aktuellen Geschichte ist das Gegenteil der Fall. Eher zufällig und unerwartet stießen wir auf eine neue und bisher in jeder Hinsicht übersehene Art: die Interstitial-Erbsenmuschel Pisidium interstitiale aus dem baden-württembergischen Teil des Odenwaldes.


Bachbegleitende Feuchtbiotope als Lebensraum der Interstitial-Erbsenmuschel (Bild: Klaus Groh).

„Wir“ steht diesmal für ein Team von Leuten, das die Autoren der neuen Art umfasst: meine freiberuflichen Kollegen Klaus Groh aus Rheinland-Pfalz, Dr. Ulrich Bößneck († 2019) aus Thüringen und meine Person, sowie Dr. Catharina Clewing und Dr. Christian Albrecht, beide Abteilung für Tierökologie und Systematik an der Justus-Liebig-Universität Gießen, welche die molekulargenetischen Untersuchungen durchgeführt haben.

Die Schmale Windelschnecke Vertigo angustior (Bild: Mike Severns/SMNS).

Doch von Anfang an: Wie kam es zu der Entdeckung? Im Rahmen der Suche nach potenziellen Vorkommen naturschutzfachlich relevanter Arten, hier der Schmalen Windelschnecke Vertigo angustior – einer Art der Flora und Fauna Habitat-Richtlinie – führten Klaus Groh und ich professionelle Schneckenerfassungen im Steinachtal, Odenwald, durch. Da diese Art seggenreiche Feuchtwiesen besiedelt, beprobten wir entsprechende Biotope, wobei aufgrund der Kalkarmut des Gebietes geringe Chancen auf einen Nachweis bestanden. Die Erwartungen bestätigend waren die meisten Stellen von einer eher anspruchslosen Molluskengemeinschaft geprägt, darunter auch zahlreichen Kleinmuscheln der Gattung Pisidium.

Zu Deutsch heißen Pisidien Erbsenmuscheln, wobei die Bezeichnung etwas irreführend ist, denn typische Erbsen sind im Gegensatz zu den meisten Arten dieser Muschelgattung (nur 2 bis 3 mm Länge) wahre Giganten. Einen Überblick der in Deutschland vorkommenden Arten bietet übrigens der Molluskenteil des Naturportals Süd-West. Erbsenmuscheln sind notorisch schwer zu bestimmen, weil sie recht merkmalsarm und zugleich sehr formvariabel sind. Trotz umfangreicher Erfahrung mit ihrer Bestimmung enthielten unsere Proben eine Form, die uns einfach nicht so ganz richtig zu den in Frage kommenden Arten zu passen schien, worauf sie mein Kollege an unseren Freund Dr. Ulrich Bößneck schickte, DEN Spezialisten für die Gattung Pisidium,. Dieser bestätigte die Merkwürdigkeit und wir waren alle motiviert, der Sache weiter auf den Grund zu gehen.

Feuchtwiesen im Steinach-Tal als Lebensraum der neuen Art (Bild: Klaus Groh).

Erst im September 2012 fanden wir gemeinsame Zeit und Gelegenheit, das Gebiet nochmals aufzusuchen, um Erbsenmuscheln an den aus unseren Untersuchungen von 2011 bekannten Stellen zu „jagen“, denn wir brauchten mehr und vor allem alkoholfixiertes Material für genetische Untersuchungen. Da Pisidien – wie alle Muscheln – Wasserbewohner sind, kescherten wir mit Sieben und kleinen Netzen alle möglichen kleinen Wasseransammlungen auf den Feucht- und Nasswiesen ab. Wieder zu Hause nach Durchsicht der Ausbeute unter dem Binokular das ernüchternde Ergebnis: Wir hatten zwar viele Pisidien gefunden, aber fast ausschließlich von den beiden dort bereits zuvor zusammen mit der fraglichen Art gefundenen Spezies. Dies entsprach überhaupt nicht den Erwartungen der Anteile der Arten aus unseren vorherigen Proben und es gab nur zwei Erklärungen. Entweder hatten wir an falschen Stellen gesucht oder der Unterschied lag in der Methodik begründet, denn zuvor hatten wir nicht gekeschert, sondern für die Suche nach Landschnecken Substratproben mit Oberbodenabtrag genommen (einfacher ausgedrückt: Bodensoden mit dem Spaten ausgestochen), die dann ausgeschlämmt und aussortiert wurden. War es möglich, dass die gesuchte Erbsenmuschel nicht nur im Aussehen nicht zu Bekanntem passte, sondern auch eine ungewöhnliche Lebensweise hatte?

Entnahme von Proben im wassergesättigten Boden.
Untersuchte Bodenschichten (Bilder: Klaus Groh).

Die Interstitial-Erbsenmuschel Pisidium interstitiale Bößneck, Groh & Richling 2020 (Bild: Juliana Bahia/SMNS).

Dafür war die Suche nun ein voller Erfolg, und wir gewannen nicht nur genug Material für genetische und morphologische Untersuchungen, sondern auch interessante Daten zur Ökologie. Als auch die Sequenzierungen mitochondrialer Genabschnitte durch unsere Gießener Kollegen das Resultat lieferten, dass es sich bei dieser merkwürdigen Erbsenmuschel um etwas Anderes handelte, hatten wir drei unabhängige Argumentationslinien, das Vorhandensein einer neuen Art zu postulieren: Aussehen, Genetik und Lebensweise. Besonders erfreulich war dann noch ein zusätzlicher Fund dieser neuen Spezies durch Ulrich Bößneck in einem ähnlichen Lebensraum in Thüringen, der in seiner Zuordnung ebenfalls durch genetische Analyse bestätigt wurde.

So blieb noch die mühsame Durchforstung aller möglichen bereits publizierten Namen für Erbsenmuscheln, die zu Synonymen ähnlicher bekannter Arten erklärt wurden, ob diese nicht vielleicht doch „unsere“ neue Art gemeint haben könnten und somit als passender Name in Frage kämen. Überraschenderweise schieden alle 21 betrachteten Namen aus und die Beschreibung einer neuen Pisidium-Art war angezeigt – die erste in Mitteleuropa seit fast 100 Jahren! Leider zog sich der Prozess der Veröffentlichung aus verschiedenen Gründen, auf die wir nur begrenzt Einfluss hatten, enorm in die Länge. Dies führte zu dem traurigen Ergebnis, dass unser Mitautor und Freund Dr. Ulrich Bößneck die Publikation der neuen Art nicht mehr miterleben konnte, weil er viel zu jung in Folge einer heimtückischen Erkrankung verstarb.


Literatur

Groh, K., Bössneck, U., Clewing, C., Albrecht, C. & Richling, I. (2020): A new pill clam from an unusual habitat: the interstitial Pisidium interstitialis n. sp. (Bivalvia: Sphaeriidae) from southwestern and Central Germany. – Journal of Molluscan Studies, 86 (2): 104-119 + 2 pp. Supplementary material. doi:10.1093/mollus/eyz036