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Paläopathologie Teil II: Who killed Micromeryx flourensianus?

Dr. Manuela Aiglstorfer ist Paläontologin mit dem Forschungsschwerpunkt fossile/tertiäre Säugetiere.

Ein 15 Millionen Jahre alter Kriminalfall

Wirbeltier-Paläontologen sitzen oft den ganzen Tag im Keller eines Naturkundemuseums und untersuchen uralte Zähne und Knochen. Und manchmal entdeckt man dabei etwas Ungewöhnliches. In meinem Fall war das ein 15 Millionen Jahre alter Mordfall! Oder besser gesagt ein Tötungsdelikt, denn der Beweggrund, wie sich später herausstellen sollte, war weder in besonderem Maße verwerflich, noch konnte von einer über einen längeren Zeitraum geplanten Tat ausgegangen werden.

Die Toten von Sansan

Aber von vorn: Im März 2017 durfte ich Knochen von Micromeryx, einem 15 Millionen Jahre alten Moschustier, am Muséum national d’histoire naturelle in Paris untersuchen (Moschustiere sind eine Familie kleiner Wiederkäuer, bei der die Männchen verlängerte Eckzähne tragen; daher werden sie auch gerne als „Vampirhirsche“ oder „Säbelzahnhirsche“ bezeichnet).

Lebendrekonstruktion des fossilen Moschustiers Micromeryx (Foto: H.E. Haehl; © SMNS)

Ein echtes Highlight! Die Fundstelle Sansan in Südfrankreich, von der die Knochen stammen, ist wegen ihres Fossilreichtums weltberühmt, und besonders häufig sind dort fossile Moschustiere. Bei der Untersuchung der Knochen fiel mir auf, dass mehr als die Hälfte aller Fersenbeine (Calcaneus) ein Loch an der gleichen Stelle auf der Knochenaußenseite aufwies. Schlecht ausgegraben und zufällig immer genau die gleiche Stelle erwischt? Eher unwahrscheinlich.

Löcher in Fersenbein (Calcaneus, A-C) und Rollbein (Astragalus, D-F) von Micromeryx aus Sansan; Maße in mm (verändert nach Aiglstorfer et al. 2019).

Das Fersenbein ist beim lebenden Tier von außen mit dem Rollbein (Astragalus) verbunden und bildet das Fersengelenk. Also hab ich mir die Rollbeine angeschaut. Und siehe da: mehr als ein Drittel hatte die gleichen Löcher; diesmal aber auf der Knocheninnenseite. Noch mehr Zufall? Setzt man beide Knochen so zusammen, dass sie, wie beim lebenden Tier, das Fersengelenk bilden, liegen die Löcher genau gegenüber; wie von einer Beißzange gemacht. Oder, ja genau, wie von einem Biss!

Lage der Bisspuren (graue Pfeile) im Fersengelenk von Micromeryx (verändert nach Aiglstorfer et al. 2019)

Um sicher zu gehen, dass es sich wirklich um Bissspuren handelte und nicht um andere Strukturen, wie z.B. Anlösungen durch Wurzeln oder ähnliches (schließlich lagen die Stücke 15 Millionen Jahre in der Erde), musste ich alle Moschustier-Fossilien erstmal genauer unter die Lupe nehmen. Nach der Untersuchung von allen 881 Moschustierknochen und Zahnresten und einigen Diskussionen mit meinen Kollegen war ich mir relativ sicher: Die Löcher auf den Moschustierknochen sind 15 Millionen Jahre alte Bissspuren. Und da es bei keiner dieser Spuren Hinweise auf Heilung gab, wurden sie den Moschustieren wohl unmittelbar vor dem Tod zugefügt und stehen mit diesem im Zusammenhang.

Die üblichen Verdächtigen?

Nun ging es darum, wie in einem Kriminalfall, das Tatmotiv zu ermitteln: in unserem Fall sehr wahrscheinlich (und auch, wie gesagt, nicht verwerflich) Hunger!

Dann musste der „Täterkreis“ eingegrenzt werden. Verdächtig, da am Tatort erwischt (also in Sansan als Fossil gefunden), waren verschiedene Raubtiere. In Frage kamen Krokodile, Greifvögel, Schildkröten und natürlich räuberische Säugetiere.

Krokodile waren erstmal naheliegend. Als klassische Lauerjäger schnappen diese Reptilien auch nach den Beinen der Opfer, um sie unter Wasser zu ziehen. Krokodile schieden dennoch relativ schnell aus. Erstens erkennt man Krokodilbisse an den in Linien angeordneten Bisslöchern, die hier so nicht vorlagen. Zweitens verschlingen Krokodile eine kleine Beute meist am Stück, und bei ihrem hoch effizienten Verdauungssystem bleibt von den Knochen in der Regel nicht mehr viel übrig. Zumindest aber müssten viele Knochen stark angelöst sein. Die meisten der Moschustierknochen waren aber gut erhalten. Krokodile waren also entlastet.

Dann nahm ich mir Vögel vor. Manche Greifvögel jagen auch heute noch Moschustiere. Meist erfolgt die Attacke aber logischerweise von oben. Zudem findet man Löcher durch Krallen und Schnäbel, wenn überhaupt, nur auf relativ dünnen Knochen wie dem Schulterblatt. Also war unser „Täter“ wohl auch kein Vogel.

Bleiben unter den Nichtsäugetieren noch die Schildkröten: Jeder kennt schließlich mindestens eine Schnappschildkröten-Bissgeschichte. Und Schnappschildkröten gab es auch in Sansan. Bei heutigen Vertretern wurde beobachtet, dass sie sich ins Bein des Beutetiers, z.B. eines Wasservogels, verbeißen und das Tier langsam nach unten ziehen, bis es schließlich vor Erschöpfung untergeht und ertrinkt. Würde also auch sehr gut zu unseren Bissspuren passen. Das Problem war nur die Form der Spuren. Der Schnabel einer Schildkröte hinterlässt Schnittspuren oder durchtrennt die Knochen gleich ganz. Runde Löcher durch einen Schildkrötenbiss sind nicht bekannt. Schildkröten schieden also auch aus dem Kreis der Verdächtigen aus.

Die Schlinge zieht sich zu

Wer war’s dann? Wohl ein räuberisches Säugetier. Aber welches? Carnivora (Raubtiere) sind in Sansan sehr häufig und mit ihren spitzen Zähnen eindeutig hoch verdächtig. Wir kennen aus der Fundstelle Raubtiere in allen Größen, vom über 100 kg schweren Hundebär bis zur Schleichkatze mit weniger als einem Kilo Körpergewicht.

Größenvergleich des Rollbeins vom Moschustier Micromeryx (A) und den Kiefern/Zähnen der Raubtiere, die in Sansan gefunden wurden (B-S) (verändert nach Aiglstorfer et al. 2019).
Rekonstruktion des Bissvorgangs (grau: Raubtier; schwarz: Moschustierknochen). Seitliche Ansicht auf den Schädel des Raubtiers (oben); Ansicht von vorne auf das Fersengelenk des Moschustiers (Maßstab = 10 mm; verändert nach Aiglstorfer et al. 2019).

Wie ließ sich die Zahl der Verdächtigen weiter einschränken? Konnten die Bissspuren selbst einen Hinweis liefern? Tatsächlich: Wie bei der Spurensicherung kann man anhand des Bissspurendurchmessers am Rollbein auf die Größe des „Täters“ schließen. Nach der genauen Vermessung der Spuren stand fest, dass der Räuber ein kleinerer Jäger mit einem Gewicht von ca. 10kg gewesen sein muss. Das schränkte den „Täterkreis“ doch schon deutlich ein. Aber auch kleinere Raubtiere waren in Sansan noch sehr divers und reichten immer noch vom Marder bis zur kleineren Raubkatze.

Rekonstruktion des Tathergangs

Wie sollten wir weiter vorgehen? Half vielleicht die Verteilung der Bissspuren? Bisspuren hatte ich an verschiedenen Knochen gefunden, am auffälligsten und häufigsten aber war die regelmäßige Anordnung auf den Fersenknochen. Wer beißt ausgerechnet in die Ferse? Und warum? An der Ferse sitzt bei Wiederkäuern, wie bei vielen anderen Säugern, keine nennenswerte Muskulatur. Die Regelmäßigkeit der Verteilung deutete zudem auf gezielte Bisse und passte nicht zum „Ich-schnapp-mir-ein-großes-Stück-Fleisch“ beim Zerlegen der Beute oder beim Aasfressen. Könnte es sich um eine spezielle Jagdmethode handeln? Bei heutigen Raubtieren kennt man eine Jagdstrategie, die den sogenannten „run-away bite“ beinhaltet. Dabei beißt der Räuber während der Hetzjagd dem Opfer in verschiedene Stellen des Körpers, um das Tier zu schwächen und zu verlangsamen. Neben Bissen in den Hals und den Bauch wird auch häufig in die Hinterläufe gebissen. Ein weiterer Vorteil bei einem Biss in die Fersenregion: Wenn Sehnen in diesem Bereich durchtrennt werden, ist es vorbei mit der Flucht und das Opfertier kann in Ruhe erlegt werden. Vermutlich hetzte der Räuber die Moschustiere also durch die weitere Umgebung von Sansan und biss immer wieder zu. Und warum nur in die Ferse? Vermutlich waren Bisse in Hals und Bauch auch sehr häufig. Aber im Gegensatz zu den gut erhaltungsfähigen Rollbeinen sind die Weichteile des Bauchs und die zerbrechlicheren Halswirbel nicht überliefert.

Überführung des „Täters“

Wir konnten also festhalten: Der Räuber war eher klein und die Bisse an der Ferse könnten von einer speziellen Jagdtaktik stammen. Wie im Krimi suchte ich also nach ähnlichen Fällen. In der Paläontologie hilft uns dabei das Aktualitätsprinzip: Wo kennen wir in heutigen Ökosystemen ein ähnliches Verhalten und ähnliche Spuren und können so auf die Ereignisse in der Vergangenheit schließen? Und da wurde ich bei der Recherche in der Fachliteratur fündig. Die erwähnte Jagdstrategie und solche Bissspuren sind zum Beispiel von heutigen Marderartigen bekannt, die in Sibirien nach Moschustieren jagen. In Sansan waren Marderartige ungewöhnlich zahlreich und manche Arten sind sogar nur von dort bekannt. Zudem fanden wir das beschriebene Muster in der Häufigkeit bisher nur in Sansan.

Möglicher „Tathergang“ (Jagdszene).

Zwar konnten wir die „Mittäterschaft“ anderer Raubtiere nicht vollends ausschließen, aber unser „Haupttäter“  war relativ sicher identifiziert. Alle Beweise deuteten auf einen oder mehrere Marder/Marderartige. Und somit konnten wir nicht nur einen 15 Millionen Jahre alten „Kriminalfall“ aufklären, sondern auch zeigen, dass eine Jagdstrategie, die wir von heutigen Mardern aus Sibirien kennen, vielleicht schon von ihren Verwandten vor Millionen von Jahren verfolgt wurde. Und das Motiv war im Gegensatz zu einem Mord, wie gesagt, nicht sehr verwerflich, sondern reine Überlebenssache!


Literatur

Aiglstorfer, M., Heizmann, E.P.J., Peigné, S.. 2019: Who killed Micromeryx flourensianus? A case study of taphonomy and predation on ruminants in the middle Miocene of France. Lethaia, https://doi.org/10.1111/let.12322.

Ein Kommentar zu “Paläopathologie Teil II: Who killed Micromeryx flourensianus?

  1. Sehr geehrte Frau Aiglstorfer, herzlichen Dank für Ihren so pfiffig und packend geschriebenen Artikel, der für jeden Laien absolut verständlich ist. Man spürt die Begeisterung, die Sie für Ihre Arbeit empfinden. Neben der neugierig machenden Überschrift war es didaktisch eine gute Idee, eine Lebendkontruktion des Mochustieres am Anfang des Artikels zu platzieren. Die Zeichnung des „Tathergangs“ fällt für mich wegen des wohl auf dem Rücken liegenden und nicht so gut zu erkennenden Jägers etwas ab. Das soll den Gesamteindruck aber nicht schmälern. Alles Gute weiter und viel Erfolg bei Ihren Forschungen. Michael Busch

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