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Wer bin ich – und wie viele war ich mal?

Das hennigi-Mysterium: Wie eine indische Sandlaufkäferart nach über hundert Jahren endlich ihre Gattung fand.

Dr. Sebastian Görn forscht als wissenschaftlicher Volontär in der Abteilung Entomologie an tropischen Sandlaufkäfern und paläarktischen Laufkäfern.

Wie viele unterschiedliche Organismen-Arten gibt es eigentlich auf unserem Planeten? Die genaue Anzahl weiß niemand, und auch Schätzungen gehen da sehr weit auseinander. Das liegt nicht nur daran, dass die „Inventur“ der Erde noch lange nicht abgeschlossen ist, sondern hat noch einen anderen Grund: Die binäre Nomenklatur ist ein System zur wissenschaftlichen Benennung von Organismen. Jede Art hat einen eindeutigen Namen, der aus zwei Teilen besteht. Der erste Teil ist der Name der Gattung, zu der die Art gehört. Der zweite Teil bezeichnet in Kombination mit dem Gattungsnamen die Art. So lautet die wissenschaftliche Bezeichnung des Menschen Homo sapiens. Die Nomenklatur ist allerdings nur die Benennung; die Abgrenzung und das Erkennen der systematischen Einheit „Art“ (Taxonomie) und deren Einordnung in ein verwandtschaftliches System (Systematik) sind davon unabhängig. In der über 250jährigen Geschichte der wissenschaftlichen Benennung von Lebewesen ist es aber oft zu Doppelbenennungen gekommen (Synonyme): Individuen, die eigentlich zu einer Art gehören, wurden nicht als solche erkannt, wenn z.B. die Geschlechter oder unterschiedlichen Entwicklungsstadien sehr unterschiedlich aussehen – man denke nur an Raupe und Schmetterling. In Zeiten, in denen wissenschaftliche Literatur und Belege schwer zugänglich waren, kam es auch häufig zu unabhängigen Artbeschreibungen und -benennungen durch parallel arbeitende Forscher. Dass die richtige Benennung und Klassifizierung manchmal detektivische Züge hat, zeigt sich in meiner aktuellen Arbeit:


Derzeitig arbeite ich an einer Revision der südostasiatischen Sandlaufkäfer-Gattung Heptodonta (frei übersetzt die „Siebenzähnchen“ bzw. die „Siebenzahnigen Sandlaufkäfer“). D.h., ich untersuche alle bislang beschriebenen Arten dieser Gattung und prüfe, ob sich nicht doch noch unbeschriebene Arten darunter verstecken bzw. ob es vielleicht Synonyme unter ihnen gibt.

Heptodonta analis. Ein Vertreter aus der von mir reviedierten Gruppe von Sandlaufkäfern. (Foto: S. Görn)

Ein Grund, warum ich mich mit voller Leidenschaft dieser Gattung angenommen habe, ist, dass sich unter den beschriebenen Heptodonta-Arten ein großes Mysterium befindet: Heptodonta hennigi! Warum? Schon seit ihrer Geburtsstunde im Jahre 1898 ist diese Art (nur anhand eines einzigen aus Indien stammenden Exemplars beschrieben) unter verschiedenen Decknamen unterwegs. Dem Beschreiber Walter Horn kam die Art so seltsam vor, dass er sich eigentlich gar nicht zu ihrer Gattungszugehörigkeit äußern wollte. Da ihm aber im Sinne der guten fachlichen Praxis gar nichts anderes übrig blieb, gab er ihr den Gattungsnamen „Heptodonta (oder Euryoda?)“.

Dilatotarsa patricia. Könnte das „hennigi-Mysterium“ in die Gattung Dilatotarsa gehören? (Foto: S. Görn)

Das Tierchen, im Übrigen eine Dame, ähnelte nämlich am ehesten zwei ganz unterschiedlichen Arten in seiner Sammlung: zum einen Heptodonta tricondyloides, die mittlerweileDilatotarsa tricondyloides heißt, und zum anderen Euryoda lucidicollis, die heute den Namen Prothyma lucidicollis trägt.

Allein, der Name hatte nur kurz Bestand. Im Jahre 1910 entschied sich Herr Horn dann doch für die zweite Variante und nannte die Art Prothyma hennigi. Damit allerdings noch nicht genug: Er ordnete die Art in eine bestimmte Gruppe der Gattung Prothyma ein, Physodeutera genannt, die aber nur auf Madagaskar und nicht in Indien zu finden ist. Über achtzig Jahre vergingen und es wurde ruhig um Prothyma hennigi, da kein weiteres Tier dieser Art nachgewiesen werden konnte. Dann entsann sich aber der Sandlaufkäfer-Spezialist Jürgen Wiesner im Jahre 1992, dass Prothyma lucidicollis, also die Art, anhand derer Horn hennigi der Gattung Prothyma zugeordnet hatte, ja eigentlich zur philippinischen Untergattung Symplecthyma gehört, und so wanderte die nächste Verwandtschaft der indischen Art Prothyma hennigi von Madagaskar auf die Philippinen.

Links: Prothyma bouvieri. Rechts: Physodeutera fairmairei. Es bleibt mysteriös: sollte „henningi“ gar zu einer bestimmten Gruppe der Gattung ProthymaPhysodeutera genannt – gehören, die nur in Madagaskar vorkommt? (Fotos: S. Görn)

Doch auch Jürgen Wiesner traute dieser Einordnung nicht recht, und so versah er seine Klassifizierung mit einem Fragezeichen. Dem italienischen Entomologen Fabio Cassola kam das alles etwas Spanisch vor und er äußerte 2002 den Verdacht, dass die Art ja auch zu der in Indien und Nepal vorkommenden Gattung Pronyssa gehören könnte, die vier Jahre zuvor von Sawada und Wiesner (1999) revidiert worden war. Nur ein Jahr später beschäftigte sich Karl „Charly“ Werner, ebenfalls ein ausgewiesener Kenner der Sandlaufkäfer, mit dem Tier und versah es mit dem handgeschriebenen Etikett Pronyssa! Zwar informierte er befreundete Kollegen andeutungsweise über seine Erkenntnisse, verstarb aber tragischerweise mit nur fünfzig Jahren, bevor er seine Feststellung wissenschaftlich publiziert hatte. Zu guter Letzt habe nun ich mich der Art angenommen. Schnell war klar, dass es sich nicht um eine Heptodonta handeln konnte, da diese Gattung keine weißen Flügeldecken-Punkte besitzt; und auch Kopf und Halsschild waren ganz anders als in der Gattung Prothyma. Die Fährte von Cassola und Werner war also richtig: es handelt sich tatsächlich um die Gattung Pronyssa!

Mysterium gelöst: Pronyssa hennigi. (Foto: S. Görn)

Und damit diese Erkenntnis nicht irgendwann im Nirwana verschwindet, habe ich meine Ergebnisse in einer kleinen Publikation zusammengefasst, d.h., ich habe die Art mit zahlreichen Abbildungen noch einmal neu beschrieben, um sie auch der breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit bekannt und zugänglich zu machen. So hat die Art endlich doch noch einen festen Platz im System der Sandlaufkäfer gefunden. Und eins muss man abschließend dann auch noch erwähnen: Selbst für eine Pronyssa sieht diese Art immer noch verdammt seltsam aus!


Fun fact: Willi Hennig, der Begründer der phylogenetischen Systematik und wahrscheinlich die bedeutendste Persönlichkeit, die bislang am Naturkundemuseum Stuttgart geforscht hat, hat mit der Sandlaufkäferart Pronyssa hennigi rein gar nichts zu tun! Denn die Art wurde nach einem Herrn Ober-Postdirektionssekretär Hennig benannt…


Literatur

Görn, S.: Redescription of the enigmatic Pronyssa hennigi (W. Horn), comb. nov. (Coleoptera: Cicindelidae)

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