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Scharnhauser Vulkan revisited

Dr. Günter Schweigert ist Kurator für Invertebraten des Jura und der Kreide sowie Mikropaläontologe. Er leitet zudem die Grabungen im Nusplinger Plattenkalk.

„Scharnhauser Vulkan“ – das hört sich spektakulärer an als es ist. Keine Lava, keine aufsteigenden Aschewolken, lediglich ein am Rande eines Bachtals angeschnittener, mit Tuffen verfüllter Schlot, der morphologisch nicht weiter in Erscheinung tritt.

Der Schlot ist der nördlichste des „Schwäbischen Vulkans“, der die Schwäbische Alb im Miozän vor 14  Millionen Jahren mit über 350 solcher Ausbruchsstellen regelrecht durchlöcherte. Die besondere Bedeutung des Scharnhauser Vulkans: Seit über 125 Jahren gelten Steintrümmer im Schlot als sicherer Beweis dafür, dass sich die Schwäbische Alb damals noch bis fast nach Stuttgart erstreckte, gut 20 Kilometer nördlich des heutigen Albtraufs.

Der Hang des Körschtals nördlich von Filderstadt-Scharnhausen mit dem Tuffitschlot. (Foto: G. Schweigert)


Mein Interesse am „Schwäbischen Vulkan“ wurde gleich zu Beginn meiner Studienzeit an der Universität Stuttgart (1983-90) geweckt. Ich sollte einen Seminarvortrag halten – mein allererster Vortrag übrigens. Vom Dozenten vorgegebenes Thema war der tertiäre Vulkanismus in Südwestdeutschland. Das Thema hat mich seither niemehr richtig losgelassen.

1892: Scheinbar bewiesen – Schwäbische Alb reichte bis Stuttgart

Vor einiger Zeit besuchte mich Dr. Wolfgang Roser im Museum, ein im Ruhestand befindlicher Esslinger Lehrer, der ein kleines Buch über den „Schwäbischen Vulkan“ schreiben und sichergehen wollte, nichts Unzutreffendes in die Welt zu setzen. Er legte mir Gesteinsproben vom Scharnhauser Vulkan zur Begutachtung vor. Dieses Vorkommen im Körschtal ist, wie gesagt, deswegen so bekannt, weil Weißjura-Brocken im Schlot beweisen, dass die Schwäbische Alb zur Ausbruchszeit im mittleren Miozän, vor etwa 14 Millionen Jahren, noch bis in die Gegend von Stuttgart gereicht habe. So jedenfalls lernt das jeder Geologiestudent hierzulande (also auch ich) in Vorlesungen oder auf Exkursionen. Auch in geologischen Lehrbüchern und in Veröffentlichungen des Schwäbischen Albvereins wird gerne auf diesen Umstand hingewiesen. Die Quelle dafür sind Untersuchungen des Tübinger Geologen Wilhelm Branco im Jahr 1892. Branco berichtete damals über den erst kurz zuvor entdeckten Scharnhauser Vulkan in einem gedruckten Vortrag zum 45. Geburtstag des württembergischen Königs Wilhelm II.

2018: Falsche Fakten, falsche Schlüsse

Stutzig wurde ich, weil Wolfgang Rosers Material keine Weißjurakalke enthielt, und auch in Brancos Veröffentlichung, die ich daraufhin noch einmal kritisch studierte, fielen mir einige Ungereimtheiten auf.

Keine Weißjurakalke: Die hellen Komponenten im Tuffitschlot bestehen aus Mergelkalken des Schwarzen Juras. (Foto: G. Schweigert)


Als Wissenschaftler lässt mir so etwas keine Ruhe. Ich schaute mir deswegen nicht nur das Vulkanvorkommen vor Ort genauer an, sondern fuhr anschließend nach Tübingen, um in der Gesteinssammlung des mineralogischen Instituts der Universität die Originalproben Wilhelm Brancos zu untersuchen, falls diese noch vorhanden wären. Das war zum Glück tatsächlich noch der Fall – und zu meiner Überraschung musste ich dann feststellen, dass die angeblichen Weißjura-Kalksteine in Brancos Material in Wirklichkeit aus dem Schwarzjura stammen! Generationen von Geologen und Geographen hatten also einer vom anderen abgeschrieben und alle zusammen Brancos Behauptung für bare Münze genommen! Wobei Branco durchaus nachvollziehbare Überlegungen angestellt hatte, aber letztlich aufs falsche Gleis geriet – wer es genauer wissen will, kann es in der unten zitierten Veröffentlichung im Detail nachlesen.

Dieser dunkelgraue Kalkstein mit verrosteten Pyritknollen und weißen Belemniten wurde von Branco für ein durch die Hitze des Vulkans geröstetes Stück Weißjurakalk gehalten. Es stammt aber eindeutig aus dem Schwarzjura. Die Präparationsspuren stammen von Branco selbst, der ein Belemnitenfragment herauskratzte. Die drei Teilstücke stammen vom selben Block. (Foto: G. Schweigert)


Landschaftsgeschichte neu geschrieben

Auf die Landschaftsdynamik im südwestdeutschen Schichtstufenland, insbesondere auf die Frage, wie schnell sich die Stufenränder durch Erosion nach hinten verlagern, wirft die Enttarnung der falschen Weißjurabrocken aus dem Scharnhauser Vulkan ein ganz neues Licht. Der Albtrauf dürfte zur Ausbruchszeit des Scharnhauser Vulkans demnach bereits wesentlich weiter südlich gelegen haben als bisher angenommen, und auf der heutigen Filderebene erstreckte sich eine kuppige Landschaft aus Braunjura-Gesteinen.


Literatur

Schweigert, G. (2018): Der Scharnhäuser Vulkan – eine Bestandsaufnahme 125 Jahre nach Brancos Beschreibung. Jahreshefte der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg, 174:191-207.

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