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Von Vögeln, Blut & Mücken

Ein Tag im Regenwald von Madagaskar

Woog_Blogbild

Dr. Friederike Woog ist Kuratorin für Ornithologie und erforscht neben der Biodiversität von Vögeln deren Populationsökologie und Verhalten.

Als viertgrößte Insel der Welt ist Madagaskar berühmt für seinen Artenreichtum. Da Madaskar erdgeschichtlich seit über 90 Millionen Jahren vom eurasischen Kontinent getrennt ist, konnten sich hier Tier- und Pflanzenfamilien entwickeln, die sonst nirgendwo auf der Welt zu finden sind – ein wahres Paradies für Biologen! Seit 2003 erforschen Wissenschaftler unseres Museums zusammen mit der Universität Antananarivo die Vögel, Säuger und verschiedene Insektengruppen im Regenwald von Maromizaha. Nun sind Blutparasiten der Vögel in den Fokus der Untersuchungen gerückt.

Vier Uhr morgens. Ein Pärchen Indris weckt mich mit seinem Duettgesang. Die Lemuren sind keine 100 Meter von meinem Zelt entfernt. Den Rucksack mit der Ausrüstung habe ich schon gestern Abend gepackt. In der Nacht hat es geschüttet hier im Maromizaha-Regenwald im Osten Madagaskars. Alles tropft und die Blutegel sind in froher Erwartung. Ich streife mir rasch die Regensachen über. Pafo, mein madagassischer Führer, erwartet mich schon und gemeinsam wandern wir durch die Dunkelheit zu unserem Fangplatz. Wir warten, bis die letzten Fledermäuse in ihre Tageseinstände geflogen sind, dann öffnen wir rasch die feinmaschigen Japannetze.

Vogel rausmachen0021z_IMG_8945cr Pia Reufsteck

Vorsichtig werden die gefangenen Vögel aus den aufgespannten, feinmaschigen Netzen geholt . Die Vögel bleiben unverletzt. Bild: Pia Reufsteck.

Dann heißt es wieder warten, immer mehr Vögel fangen an zu singen, wir notieren sie alle. Pafo hat unglaublich gute Ohren. Wir kennen uns seit 2003, dem ersten Jahr der Studie. Nach einer Stunde kontrollieren wir die Netze und finden mehrere Vögel, die sich darin verheddert haben. Vorsichtig hole ich sie heraus und stecke sie in einen kleinen Stoffbeutel, den mir Pafo reicht.

Zurück an der Fangstation hat sich Pia Reufsteck zu uns gesellt, eine Biologin aus Deutschland, die uns ehrenamtlich bei dem Projekt hilft. Wir beringen die Vögel mit kleinen Aluminiumringen, in die -ähnlich einer Autonummer- eine Zahl eingestanzt ist. So werden die Tiere zu eindeutig unterscheidbaren Individuen, was Voraussetzung für unsere Forschung ist. Jedes Tier wird genau bestimmt, das Alter, Mauserzustand, Fett- und Muskelklasse und Körpermaße notiert sowie sein Reproduktionszustand festgestellt. Viele Tiere brüten im November, dem madagassischen Frühling. Das erkennen wir bei den weiblichen Tieren am Brutfleck, einer kahlen Stelle, an der sich der Vogel alle Federn ausgerissen hat.

Fig 2 Pia Reufsteck

Die Flügelvene eines Madagaskar-Webervogels wird abgedrückt und punktiert. Das austretende Blutströpfchen wird mit der Pipette aufgenommen und zum Anfertigen des Blutausstrichs auf den Objektträger gegeben. Bilder: P. Reufsteck.

Am Ende der Prozedur nehmen wir jedem Vogel einen kleinen Blutstropfen aus der Flügelvene. Ein Teil des Tropfens kommt auf einen Objektträger, Pia ist mittlerweile sehr versiert beim Anfertigen der Blutausstriche. Später sollen sie auf Blutparasiten, insbesondere auf die Erreger der Vogelmalaria, untersucht werden. Wie menschliche Malaria wird sie bei Vögeln auch durch Mikrosporidien ausgelöst, genauer gesagt durch Sporentierchen der Gattung Plasmodium. In welcher Form die Malaria bei Wildvögeln verläuft, ist oft noch unbekannt, aber die Sterblichkeit scheint geringer als beim Menschen zu sein. Den zweiten Teil der Blutprobe pipettiere ich in ein kleines Probenröhrchen mit speziellem Puffer; so dass das Blut jetzt auch bei hohen Temperaturen vor Zersetzung geschützt ist. Hieraus können wir später die DNS des Vogels isolieren und so viele Fragestellungen, von der phylogenetischen Stellung der Arten bis zu den innerartlichen Verwandtschaftsverhältnissen beantworten.

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Das Vogelfängerteam bekommt Besuch aus dem Dorf: Die Kinder wollen alles ganz genau wissen. Rechts im Bild hängen die gefangenen Vögel in den Stoffbeuteln. Bild: P. Reufsteck.

Ein erstaunlicher Nebeneffekt dabei: Es gelang unseren Kooperationspartnern vom Institut für Parasitologie an der Uni Hohenheim sogar, aus einem Bluttropfen die DNS des Vogelmalaria-Erregers zu isolieren. Im ersten Durchgang mit Proben aus dem Jahr 2012 hatten mehr als 50 Prozent der Vögel Plasmodien. Dies ist einer der höchsten jemals publizierten Werte bei Vögeln und ermöglicht uns nun, das Vorkommen der Blutparasiten mit den verschiedenen ökologischen Parametern, die wir bei den Vögeln untersuchen, in Verbindung zu bringen. Haben Vögel, die in der Nähe des Menschen vorkommen, eher Malaria? Hat es mit ihrem Alter zu tun? Oder mit ihrer Ortstreue, die wir über die Wiederfangraten der in den Vorjahren beringten Vögel herausfinden können? Fragen über Fragen. Und durch wen genau gelangt der einzellige Blutparasit überhaupt in den Vogel? Wie beim Menschen wird die Vogelmalaria von Mücken auf ihre Wirte übertragen, aber um welche Mückenarten handelt es sich in Madagaskar? Sind es überhaupt nur Mücken oder gibt es auch andere Überträger?

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Durch das Licht werden Mücken angelockt. Bild: Woog/SMNS.

Bei der nächsten Kontrolle sind acht Vögel im Netz und wir haben alle Hände voll zu tun. Zwei der Vögel tragen bereits Ringe, einer ist sogar aus dem Jahr 2006, nun also schon mindestens acht Jahre alt, ein kleiner Nektarvogel. Plötzlich wird Pafo unruhig – er hört, wie eine Gruppe das Tal hinaufkommt. Wer das wohl sein mag? Tatsächlich – die Mückenforscher vom Institut Pasteur de Madagascar haben uns gefunden! Dr. Luciano Tantely und Dr. Fano Randrianambinintsoa wollen uns helfen, die Frage mit den Mücken zu klären. Neben vielen Fallen, Batterien, Generator, Mikroskopen, Tischen und Stühlen haben sie auch fünf junge Hühner mit in den Wald gebracht, die in speziellen Fallen vogelliebende Mücken anlocken sollen. Auch Lichtfallen kommen nachts in unseren Vogelfanggebieten zum Einsatz, denn Mücken werden auch durch Licht angezogen. Morgens werden die gefangenen Mücken eingesammelt und sofort bestimmt – eine eher zerbrechliche Sache, da die Schuppen am Körper, die man zur Artbestimmung braucht, rasch abfallen. Gleich am zweiten Tag finden die Forscher eine neue Mückenart, die sie aber nur bis zur Gattung zuordnen können. Das fängt ja gut an!

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Die Wissenschaftler des Institute Pasteur Madagascar in ihrem Freilandlabor. Im Vordergrund sieht man die Batterien zum Betreiben der Lichtfallen. Bild: P. Reufsteck.

Mittags kehrt bei unserer Vogelfangstation ein bisschen Ruhe ein, allgemeine Siesta in der Tier- und Menschenwelt. Nachmittags bewegt der Wind die Fangnetze und sie werden für die Vögel sichtbar. Ab da fangen wir nur noch Blätter, die von den Bäumen geweht werden. Das gibt mir Zeit, die Proben des Vormittags zu beschriften und die Blutausstriche in Methanol zu fixieren. Obwohl wir aufgepasst haben, hat eine Ameise es schon wieder geschafft, eine kleine Zickzackspur in den dünnen Blutfilm zu fräsen. Gegen sechs Uhr Abend schließen wir die Netze für die Nacht und gehen in der Dämmerung zurück ins Camp. Der Kuckuck ruft, die Mausmakis erwachen und die Fledermäuse fliegen voller Karacho die schmalen Pfade entlang. Schnell im kalten Gebirgsbach gewaschen und dann zaubert uns Nivo, unsere Köchin, ein leckeres Essen auf den Tisch – Reis mit Ingwergemüse. Danach sitzen wir noch lange und diskutieren mit Fano und Luciano – werden wir wohl die Plasmodiensequenzen der Vögel auch in den Mücken finden? Wandern die Mücken oder nur die Vögel? Warum kommen hier in über 1000 m Höhe so viele Mücken vor, wo sie sich in anderen Regionen in dieser Höhe schon gar nicht mehr fortpflanzen können? Unterscheidet sich das jahreszeitlich? So viele Fragen, soviel noch unbekannt. Man bräuchte mehr als ein Forscherleben. Um zehn Uhr fallen uns langsam die Augen zu, der Donner grollt in der Ferne, schnell noch packen für morgen früh. Vier Uhr morgens…

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